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Gedicht der Woche 32/2020


Moravani

Gegen der Sonne über.
Bei Odermennig und Mohn.
Bei Rotklee, bei Weißklee. Und drüber
Der Nachtigallen Ton.

An solch einem blauen Morgen
In Moravani zu sein!
Für nichts als ein Gärtchen zu sorgen:
Sieben Handtücher klein.

Und Hühner haben und einen 
Weiß marmorierten Hahn
Und wissen: ich habe keinen
Schritt von dem Weg getan,
Den Gott mir vorgeschrieben,
Als er mich leben rief ...
So wird er mich ewig lieben,
Wenn meine Zeit ablief ...
Indessen Kirschbäume pflanzen.
Mit den Früchten zu Markte ziehn
Und feiertags singen und tanzen:
Das freut und lobet ihn!

O Einfalt des Reisigrauches,
Der abends das Dorf durchzieht.
Waschblau des alten Gebrauches.
Auf Spindeln gedrehtes Lied.

Und auf dem Hügel liegen,
Geliebt, bepflanzt und beweint -
Über siebzig hölzerne Stiegen,
Wo früher die Sonne scheint

Als im Dorf - die ehrbaren Toten:
Manzelka Amalia und er,
Und sein Wald sendet fliegende Boten,
Tannsämlinge, zu ihm her.

Der Horizont ist umfangen
Von Bergen. Ein reiner Kreis
Aus durchsichtig blauen Volangen,
Wenn es Mittag ist. Dunstig und heiß.

Am Zaun ranken Feuerbohnen.
Bald kommt ihre rote Zeit.
Dann in Moravani zu wohnen!
Aber ich bin dann schon weit.

Eva Strittmatter

aus "Zwiegespräch"
Aufbau Verlag 1980

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