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Gedicht der Woche 3/2018

Leibseele

Was ist, was war mit mir geschehn?
Wer hat es über mich vermocht,
Wie einem Kerzenleib den Docht
Mir meine Seele auszudrehn?

Ich habe schon nicht mehr gewußt,
Wer ich wohl bin und ob ich tauge.
Ein Dämon hat sein trübes Auge
Auf mich gestarrt mit übler Lust,

So daß ich starr geworden bin
Und konnte mich nicht mehr erheben.
Und: keinen Sinn hat unser Leben,
So murmelte ich vor mich hin.


Doch wie die Alten sich vorzeiten -
Von denen noch die Sage geht -
Wenn sie nicht löste das Gebet,
Mit Durst und Hunger selbstkasteiten,

So hab ich endlich mich seit Tagen
Auf karge Wasserkost gesetzt.
Hungernd begreif ich Zeit. Und jetzt
Vergeht mir auch das feiste Klagen

Um meine Seele. Um so mehr
Begreif ich mit dem Leib das Glück.
Ich eß vom Brot ein kleines Stück
Und in mir leuchtet es wie sehr,

Viel stärker als die alte Seele,
Die ich verlor an Furcht und Zorn.
Als Lichtkeim sprießt in mir das Korn
Und treibt als Lied aus meiner Kehle.
Eva Strittmatter

aus "Heliotrop"
Aufbau Verlag 1983

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