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Gedicht der Woche 16/2019

Ich II

Schon Jahre ists her, daß ich dachte: genug.
Genug an Erfahrung, genug schon vom Leben.
Nur Wiederholungen wird es noch geben.
Genügt schon dem Menschen, was ich ertrug.

Und immer noch schüttet ein etwas auf mich
Neue Lasten zu den noch währenden alten.
Und nirgends ein Halt, um mich an ihm zu halten,
Als dies schwindende, schwankende, stammelnde Ich,

Das, je länger, je mehr, nicht mehr weiß, wer es ist,
Von fremden Lebenslinien durchschnitten.
Und jeder klagt mir, was er irgend erlitten:
Unser aller Mutter, du, die du bist,

Hör uns und hilf uns und steure der Not!
Sei uns Orakel und laß uns dich lesen!
Und ich weiß nicht mehr, bin ich jemals gewesen
Oder fühllos, ein Balg, und war immer schon tot

Und gewann nur in Worten den Anschein von Leben,
Eine Puppe, mechanisch, die fühlt, was sie spricht.
(Und fügen die Worte sich gar zum Gedicht,
Lassen selbst mich sie am Ende erbeben.)


Eva Strittmatter

aus "Atem"
Aufbau Verlag 1988

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